Predigt am Sonntag Lätare, 30.3.2003 in St. Lorenz

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen. Amen.

Liebe Gemeinde !

Gestern und heute feiert der Verein zur Erhaltung der St.Lorenzkirche sein einhundertjähriges Bestehen. Deshalb hat Herr Dekan Schmidt das Thema der heutigen Predigt so formuliert: Was die Lorenzkirche uns predigt. Deshalb will nicht ich heute predigen, sondern nur meine Stimme der Lorenzkirche leihen, die nun zu Ihnen spricht.

Die Lorenzkirche also sagt nun: Liebe Gemeinde! Das hat es noch nie gegeben: ich soll reden, ich darf predigen. Unendlich viele Predigten habe ich im Laufe der Jahrhunderte gehört, und deshalb weiß ich auch genau, dass den Worten immer ein Bibeltext zu Grunde liegt.

Ich habe dafür den zweiten Vers des 84. Psalms ausgewählt: Wie lieb sind mir deine Wohnungen, Herr Zebaoth.

Diese Worte sind mir wohl vertraut, denn die höre ich immer zum Kirchweihfest, an dem ich im Mittel-punkt stehe, und es ist auch der Psalm des heutigen Sonntags. Ich freue mich natürlich, dass der Beter des Psalms und mit ihm viele andere Menschen, die sich zu Gott und seiner Gemeinde halten, auch den Ort lieben, an dem sie zusammen kommen, die Kirche. Ich weiß nicht, ob man so etwas in einer Predigt sagen darf, aber ich, die Lorenzkirche, freue mich, wenn so viele Menschen hierher kommen, um die Nähe Gottes in seinem Wort und Sakrament zu erleben und Kraft und Ausrichtung für ihr Leben finden. Ich habe zwar schon öfters gehört, dass man überall Gottesdienst feiern kann, aber besonders gern gehen Menschen doch dorthin, wo sich der Glaube und die Frömmigkeit auch durch Bildwerke den Augen zeigen. Ich bin nur die Hülle für die Gottesdienste, aber durch die Liebe von Menschen in den Jahrhunderten schön ausgestattet, trage  auch ich zum Gottesdienst bei.

 

Das wissen leider nicht mehr alle. Ich sehe täglich viele Menschen aus aller Herren Länder, die – oft mit Büchern in der Hand – staunend vor dem Sakramentshaus oder dem Engelsgruß stehen. Mancher meint, ich sei so etwas wie ein Museum. Aber auch von denen merken manche, dass das nicht stimmt, dass es hier um mehr geht, dass hier keine Kunstsammlung präsentiert wird.

 

Selbstbewusste Bürger beauftragten die besten Künstler und scheuten keine Kosten. Wissen Sie, dass das Sakramentshaus und auch ein einziges der schönen Fenster so viel kostete wie ein Wohnhaus? Die Stifter drückten ihre Frömmigkeit aus und wollten so etwas für ihr Seelenheil tun.

Deshalb stifteten sie auch die Altäre, von denen es früher noch viel mehr gab.

 

Nun höre ich zwar seit fast fünfhundert Jahren immer wieder, dass man sich den Himmel nicht erkaufen kann. Mit der Reformation wurde manches anders. Die Reliquien, wie man sie etwa im Johannesaltar sieht oder wie sie im Deocarusaltar lagen, hatten keine Bedeutung mehr, denn man wandte sich mit seinen Bitten nun  direkt an Gott und braucht die Heiligen nicht mehr als Fürsprecher, sondern sah an Ihnen die Kraft des Glaubens und die Hilfe Gottes.

Aber: die Reformation war kein Bruch, sondern ein Aufbruch und hat Vieles bewahrt. Wie vertraut ist mir doch die Ordnung des Gottesdienstes, sind mir  etwa das Kyrie und die Introiten, und wenn die Schola singt, erinnert mich das an ganz weit zurück liegende Zeiten  und ich merke, dass bei allen Verände-rungen doch immer dieselbe Botschaft verkündigt wurde.

Das zeigen auch die vielen Bilder.  Sie regen bis heute zum Nachdenken an und drücken aus, was immer gilt : die grundlegende Bedeutung der Aufersteh-ung Jesu etwa im Wolfgangsaltar, die Anbetung des neugeborenen Christus im Dreikönigsaltar, der selbstlose Einsatz durch tatkräftige Hilfe bei Kranken, obwohl man sich dabei selbst in Gefahr bringen kann wie Rochus oder die Hilfe für die Armen, die der Patron Laurentius den Schatz der Kirche nannte, denen er die Gelder der Kirche gab und dafür sein Leben ließ, und der unerschrockene Einsatz für die Verbreitung des Evangeliums, wofür der zweite Patron, Stephanus, gesteinigt wurde.

Glaube, Anbetung, Diakonie werden so ohne Worte durch Bilder deutlich, und ich hoffe immer, dass es nicht nur beim genießenden Anschauen bleibt, sondern auch zu Taten anregt.

Spätestens in dem Moment, als ich von den Altären sprach, merkten Sie, dass Sie jetzt in der Passionszeit ganz anders aussehen, dass sie geschlossen sind und die Bilder ihrer Flügel, die man sonst nicht sieht, andere Themen zeigen.

Aber nicht nur alte Bildwerke stehen hier. Was heißt übrigens alt? Schauen Sie sich einmal die Madonna dort an, die noch älter ist als ich und doch so lebendig und gegenwärtig!

Ich finde es schön und richtig, dass jede Zeit Zeichen ihrer Frömmigkeit hier aufgerichtet hat, wie etwa das 19. Jahrhundert diese Kanzel oder das 20. Jahrhundert die Hauptportale, das Taufbecken und den liturgischen Altar, um den Sie sich nachher beim Abend-mahl so scharen wie die Menschen um die Christusfigur auf ihm. Sie  trinken dann aus Kelchen, die schon lange in Gebrauch sind, aus denen schon Generationen von Christen das Mahl erhielten, längst Vergessene und solche, an die die Totenschilde und Epitaphien erinnern, Menschen, die wie Sie zu Christus gehören – und diejenigen, die nach uns kommen.

Heute fallen Ihnen Bilder unserer Tage auf,  etwa auf dem Hochaltar oder vor der Orgelbaustelle. Und oft stehen für eine gewisse Zeit Kunstwerke hier, die Nöte und Fragen der jetzigen Zeit ausdrücken und die in einen Dialog treten, mit allem, was hier ständig zu sehen ist und mit Ihnen.

Nun habe ich von den Bildern gesprochen, die allen zuerst in die Augen fallen. Aber haben Sie mich, die Kirche, schon einmal genau und in Ruhe betrachtet? Mein hohes, aber schmales Mittelschiff, das zum weiten Chor führt mit seinem so besonders schönen Netzgewölbe? Mein riesiger Raum bietet viel Platz, auch für die hier so oft meisterhaft erklingende Musik der Orgeln, der Instrumente und Chöre.

 

Und daneben die vielen kleinen, etwas abgeschiedenen Kapellen, die besonders zum Verweilen, zur Andacht einladen.

Ich sehe oft Menschen, die sich aus dem Besucherstrom ausklinken und dort zur Ruhe kommen, die mit Leid, Angst und Sorgen beladen Trost und Zuflucht finden. Mancher schreibt dort seine Bitten auf oder stellt auch eine Kerze wie ein bleibendes Gebet auf in der nördlichen Turmkapelle vor dem zerschundenen Bild des Gekreuzigten, in diesen Tagen im Blick auf den Krieg im Irak und alle anderen Kriege, die auf der Welt toben. Wenn ich nur das Wort Krieg höre spüre ich wieder schmerzhaft meine Narben, und die Menschen sicher auch.

Wer aus dem Trubel der Stadt bei mir eintritt, der empfindet eine Geborgen-heit, die wohltuend ist. Um mich herum brandet das Leben, vom normalen Alltag mit dem Einkauf bis hin zu Demonstrationen, die den bewegenden Ereignissen des Tages nachgehen. Ich bin dabei der stumme und dabei doch beredte Hintergrund, der jedem anzeigt, dass es eine Zuflucht gibt, die allen offen steht.

Das sehen Sie – aber hasten Sie sonst nur an mir vorbei, oder betrachten Sie mich, die Lorenzkirche, auch einmal von außen? Sehen Sie bewusst meinen großen Chor, wenn Sie von der Lorenzer Straße kommen, behäbig und fest und dabei doch aufstrebend? Haben Sie einmal bemerkt, wie himmelhoch meine Türme wirken, wenn Sie aus der U-Bahn kommen? Und schauen Sie in der Karolinenstraße nur auf die Auslagen der Geschäfte oder auch mal auf meine prächtige Fassade mit der Westrose, die an  das heilige Grab erinnert und die mit ihrem steinernen Bildprogramm die ganze Heilsgeschichte spiegelt? Auf diese Fassade bin ich schon ein wenig stolz, denn meine Schwester St. Sebald hat so etwas wegen ihrer zwei Chöre nicht aufzuweisen. So lade ich auch mit meiner äußeren Gestalt zum Herein-kommen ein.

Nun habe ich so viel gesprochen,  mit Hilfe einer menschlichen Stimme. Ich kann aber nicht verschweigen, dass ich etwas enttäuscht bin, dass viele Menschen meine eigentliche, stumme, Sprache nicht verstehen.  Ihr Protestan-ten  nennt Euch die Kirche des Wortes und scheint nur Ohren zu haben und keine Augen. Und da ihr zudem nur wenig Zeit habt, sehr Ihr garnicht alles. Deshalb möchte ich hier auch einmal all denen danken, die sich viel Mühe geben, mich den Menschen zu erklären. Und ein besonderer Dank gilt all jenen, die sich über all die Jahrhunderte darum Mühen, dass ich mich in so guter Fassung präsentieren kann, die mich pflegen und hegen. Dass ich schwere Zeiten erlebt habe und immer gefährdet bin, wissen Sie, die Sie sich um mich bemühen, alle so gut, dass ich davon nicht reden muss. Das zeigt mir, wie vielen ich lieb und wert bin. Und ich werde mit Gottes und dieser Menschen Beistand weiterhin mit helfen, dass Sie in mir zur Ruhe kommen, Gottesdienste feiern und beten und wie der Psalmist sagen können : Wie lieb sind mir deine Wohnungen, Herr Zebaoth. Meine Seele verlangt und sehnt sich nach den Vorhöfen des Herrn, mein Leib und Seele freuen sich in dem lebendigen Gott. Herr Gott Zebaoth, höre mein Gebet, vernimm es!

Amen.