Der kleine Lehrer Georg Maus

Viele Namen stehen jetzt im Kalender. Geburtstage. Todestage. Ich weiß nicht, wie es Euch geht: bei mir sind selten viele freudige und traurige Ereignisse so dicht beieinander wie im Monat Februar. Ganz private, aber auch allgemein bekannte, und dazwischen solche, die sich dem gemeinsamen öffentlichen Nachdenken geradezu entziehen. Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten, schreibt Walter Benjamin.

Zu diesen “Namenlosen“ gehört für mich ein Lehrer aus dem vergangenen Jahrhundert. An seiner Biografie ist nichts Nennenswertes. Würdet ihr ihm auf der Straße begegnen - bestimmt würdet ihr sein Gesicht eher vergessen als behalten!

Eines Vormittags, Anfang 1944, passiert es. Sie kommen im Religionsunterricht auf die Bergpredigt Jesu zu sprechen, auf eben dieses kleine Sätzlein:
Liebt eure Feinde! Tut Gutes denen, die euch hassen!

Eine Schülerin fragt, ob denn das Gebot Jesu heute noch gelte.

Der Lehrer sagt: “Ja, unter allen Umständen.“ Die Schülerin hakt nach: “Müssen wir dann, um rechte Christen zu sein, etwa die Engländer lieben, die jetzt die deutschen Städte bombardieren?“

Georg Maus hätte sich jetzt mit einer theologisch feinen Antwort aus der Affäre ziehen können, aber er sagt einfach: “Ja. So steht es da. Liebt eure Feinde!“

“Aber Dr. Goebbels hat gesagt, wir müssen diese Engländer hassen!“ Der Lehrer: “Auch Dr. Goebbels kann das Gebot Jesu nicht aufheben“.

 

Die Sache kommt vor den Schulleiter. Aus dem Unterricht heraus wird Georg Maus von der Gestapo verhaftet und nach Berlin-Moabit in das berüchtigte Gefängnis gebracht.

Er bekommt drei Jahre wegen Wehrkraftzersetzung.

Die Haftbedingungen sind katastrophal.

Anfang Februar 1945 werden die Häftlinge von Berlin ins KZ Dachau verlegt. Georg Maus ist krank, unterernährt. Wie Vieh werden sie auf Frachtkähne verladen. Es ist bitter kalt. Dann geht es weiter mit der Eisenbahn durch Thüringen.

In einem Güterwaggon bei Lichtenfels stirbt Georg Maus an Erschöpfung im Alter von 56 Jahren in der Nacht zum 15. Februar.

Fünf Tage liegt sein Leichnam im Schnee, ehe die Familie, seine Frau und die Kinder, Nachricht bekommen. Bei der nächsten Station, im KZ Flossenbürg, wird er begraben.

Wenn Ihr dort die Gedenkstätte des großen, tapferen Dietrich Bonhoeffer besucht, dann vergesst nicht den kleinen Lehrer Georg Maus, der seinen Schülern einmal die Wahrheit sagte und seinen Lehrer und Bruder Jesus nicht verleugnete. Er liegt dort begraben

Im Grab Nr. 4950
Feld L
Reihe 1b

Sein Name steht geschrieben auf einem der kleinen Tonziegel, die die Grabstellen markieren. Vielleicht steht er am 15.Februar, auch in Euerem Kalender. Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten Der kleine Lehrer Georg Maus gehört für mich dazu. Sein Angedenken werde uns zum Segen!

  Heinrich Weniger