An Pfingsten wäre sie 76 geworden. Aber man kann sich das gar nicht vorstellen. Und es ist auch ganz anders gekommen. Sie hatte eine Aura, eine Figur, die Millionen bewunderten. Mit der Zeit hasste sie die Perfektion dieser Figur und das Make-up ihrer Ausstrahlung, immer nur Körper für andere und Keep-smiling fürs Kino zu sein. Sie, die alle bewunderten, konnte sich selbst nicht mehr sehen. Am 5. August 1962 wurde sie in Los Angeles tot aufgefunden. Die Häme der Anständigen von damals habe ich noch im Ohr: Mit der musste es ja soweit kommen! Sie haben es schon immer gewusst.Wir leben nun einmal in einer Welt, in der ein Flugzeug, das die Schallmauer durchbricht, mehr Lärm macht als ein gebrochenes Herz. Aber das soll sie gesagt haben. All der Lärm, all die Erfolge, das Klicken der Kameras, das Rascheln der Dollars sind nichts gegen ein gebrochenes Herz - und das war sie.Da sitzt einer im fernen Nicaragua und hat davon erfahren wie wir alle. Was ihn bewegt daran, das schreibt er auf. Aber die in den Holz- und Wellblechhütten von Managua - ohne Fernsehen und Illustrierte - verstanden damals diese Geschichte nicht. (Heute schon, aber anders und vielleicht sogar besser als wir!) So erzählt er diese Geschichte Gott. Eine Geschichte, die man Gott erzählt, wenn sie sonst niemand hört und versteht, heißt Gebet. Es gibt freilich auch eine Geschwätzigkeit, die ist hier genau so unangebracht wie im Zwischenmenschlichen. Es gibt eine keusche Verzweiflung, die sich dem christlichen Trost gerade nicht anbietet. Und eben da fällt mir ihr Name ein. Und das Gebet, das Ernesto Cardenal aufgeschrieben hat im fernen Nicaragua.

Gebet Für Marilyn Monroe



Herr,


nimm dieses Mädchen auf, das die ganze Welt kannte als Marilyn
                                                     Monroe,
obwohl dies nicht ihr wirklicher Name war,
(doch Du kennst ihren Namen, den Namen des Waisenkindes,
                     das vergewaltigt wurde mit 9 Jahren,
den Namen der kleinen Verkäuferin, die mit 16 versuchte, ihrem
                                      Leben ein Ende zu machen)
dieses Mädchen, das jetzt vor Dir steht, ohne jedes Make-up,
ohne ihren Manager,
ohne Fotografen, ohne Autogramme zu geben,
einsam wie ein Astronaut vor der Nacht des Universums.

Herr,

in dieser Welt, die verseucht ist von Sünde und Radioaktivität
sprichst Du eine kleine Verkäuferin nicht schuldig,
die wie alle kleinen Verkäuferinnen davon träumte ein Filmstar zu sein.
Ihr Traum wurde Wirklichkeit(doch eine Wirklichkeit in Tecnicolor).

Sie agierte nur nach dem Drehbuch, das wir ihr gaben
- das Drehbuch unseres eigenen Lebens - es war ein absurdes Script.

Vergib ihr, Herr, und vergib uns allen unser 20th Century,
diese Kolossal-Superproduktion, an der wir alle Anteil haben.
Sie hungerte nach Liebe, und wir boten ihr Beruhigungsmittel.
Gegen die Traurigkeit, nicht heilig zu sein,
              empfahl man die Psychoanalyse.

Denk, Herr, an ihre wachsende Angst vor der Kamera,
an ihren Haß auf die Schminke - und sie schminkte sich für jede Szene
und wie ihr Entsetzen immer größer wurde
und wie sie immer unpünktlicher in den Studios erschien.

Wie jede kleine Verkäuferin
träumte sie davon, ein Filmstar zu sein.
Und ihr Leben war irreal wie ein Traum, den der Psychiater analysiert
                                           und zu den Akten legt.
Ihre Liebesabenteuer waren wie ein Kuß mit geschlossenen Augen
- und wenn man die Augen öffnet, merkt man,
daß es nur ein Filmkuß war.
         Und dann löschen sie die Scheinwerfer!
und demontieren die zwei einzigen Wände der Filmwohnung (es war
                                  ein kinematografisches Set)
und der Regisseur geht mit dem Drehbuch davon,
            denn die Szene ist abgedreht.
Der Film ist aus - doch ohne Happy-End.
Man fand sie tot, den Hörer in der Hand.

Herr,
 
wer es auch sei, den sie anrufen wollte
und nicht erreichte (vielleicht war es auch niemand
oder jemand, dessen Nummer nicht im Telefonbuch von Los Angeles
                                                     steht)
             nimm Du den Hörer ab!





Ernesto Cardenal 1965