Das Kalenderblatt im März

Der Gerechte kennt die Seele seiner Tiere, aber das Herz der Gottlosen ist ohne Erbarmen. (Sprüche 12,10). Der weise König Salomo wusste etwas davon.

Rosa Luxemburg auch (* 5.März 1870 in Zamosc, Polen). Sie schreibt im Winter 1917 aus dem Gefängnis in Breslau an Sophie, die Frau von Karl Liebknecht, der wie Rosa am 15.Januar 1919 von Regierungssoldaten ermordet wurde.

 

Ach Sonitschka,

ich habe hier einen scharfen Schmerz erlebt. Neulich kam so ein Wagen, bespannt statt mit Pferden mit Büffeln. Ich sah die Tiere zum erstenmal in der Nähe. Sie sind kräftiger und breiter gebaut als unsere Rinder, mit flachen Köpfen und flach abgebogenen Hörnern, die Schädel also unseren Schafen ähnlicher, ganz schwarz, mit großen sanften Augen. Sie stammen aus Rumänien, sind Kriegstrophäen ...

Vor einigen Tagen also kam dieser Wagen mit Säcken hereingefahren. Die Last war so hoch aufgetürmt, dass die Büffel nicht über die Schwelle bei der Toreinfahrt konnten. Der begleitende Soldat, ein brutaler Kerl, fing an, derart auf die Tiere mit dem dicken Ende des Peitschenstiels loszuschlagen, dass die Aufseherin ihn empört zur Rede stellte, ob er denn kein Mitleid mit den Tieren hätte!

“Mit uns Menschen hat auch niemand Mitleid!“ antwortete er mit bösem Lächeln und hieb noch kräftiger ein. Die Tiere zogen schließlich an und kamen über den Berg, aber eines blutete ...

Sonitschka, die Büffelhaut ist sprichwörtlich an Dicke und Zähigkeit, und die war zerrissen. Die Tiere standen dann beim Abladen ganz still, erschöpft, und eins, das, welches blutete, schaute vor sich hin mit einem Ausdruck in dem schwarzen Gesicht und den sanften schwarzen Augen wie ein verweintes Kind.

Ich stand davor, und das Tier blickte mich an, mir rannen die Tränen herunter – es waren seine Tränen, man kann um den liebsten Bruder nicht schmerzlicher zucken als ich in meiner Ohnmacht um dieses stille Leid zuckte.

Der Soldat aber steckte beide Hände in die Hosentaschen, spazierte mit großen Schritten über den Hof, lächelte und pfiff einen Gassenhauer. Und der ganze herrliche Krieg zog an mir vorbei ...

Sonjuscha, Liebste, seien Sie trotz alledem ruhig und heiter. So ist das Leben, und so muss man es nehmen, tapfer, unverzagt und lächelnd – trotz alledem ...

Ihre R(osa Luxemburg)