Der Nächste bitte!

von Manfred Wiesner
   
   


Ein Mensch ging hinab von Nürnberg nach Fürth, sein Tagwerk zu verrichten. Da er durch das Werktor schritt, hieß ihn sein Chef zu sich kommen und sprach: "Geschätzter Mitarbeiter, du hast mir viele Jahre treulich gedient. Doch nun habe ich investiert in ein Gerät, das ist hundertmal schneller als du. So lebe nun wohl und erfreue dich den Rest deiner Tage!"

Da erbleichte der Mensch, seine Augen wurden weit, und sein Unterkiefer fiel herab. Und siehe, seine allernähesten Kollegen standen von ferne. und der mit den Ellenbogen, den starken, stieß an den mit den vielen Überstunden, und sagten kein Wort. Und der Mensch wandte sich um und taumelte von dannen bis draußen vor die Stadt und fiel in ein tiefes Loch.

Es begab sich aber von ungefähr, dass ein Gewerkschaftsfunktionär vorüberkam. Da er das Loch sah und in den Abgrund blickte, rief er: "Genosse, zur Sonne zur Freiheit!", überhörte die Antwort und eilte zur nächsten Kundgebung "Gegen Stellenabbau in der Region", trat ans Rednerpult, erhob seine Stimme und sprach: Kolleginnen und Kollegen, stärkt euere Gewerkschaften, sonst fallt ihr in ein tiefes, tiefes Loch!" Und der mit den Ellenbogen stieß an den mit den Überstunden und sie riefen: "Hoch die regionale Solidarität!"

Und es begab sich, nicht ganz so von ungefähr, dass ein Priester vorüberkam. Und da er das Loch sah und in den Abgrund blickte, gedachte er an ein Wort des Herrn und sprach: "Selig, lieber Bruder, die Sanftmütigen, sie werden das Erdreich besitzen!", überhörte die Antwort, eilte zur nächsten Sitzung der Strategiekommission "Kirche und Arbeit" und verkündete daselbst mit großer Freude: "Gott Lob und Dank erschließen sich uns neue Arbeitsfelder!"

Und nicht lange, da ertönten Stimmen. Und da ihre Absender sie eingeholt, siehe, da warens Politiker, und es waren vier. Und da sie das Loche erblickten und in den Abgrund sahen, waren sie zutiefst bestürzt. Und hinterlegten ihre Visitenkarten - schwarz, rot gelb und grün - empfahlen sich und eilten zu Maibritt Illner, Sandra Maischberger und Sabine Christiansen, zu disputieren über das "Teilen von Reichtum und Arbeit". Und da sie reichlich ausgeteilt hatten, wurden sie eins darin, dass der Kampf um Profite global sei und müsse nachgerüstet werden national und regional. Und sprachen von Innovation und Investition und Bereitschaft, Soziales zu opfern für Volk(swirtschaft) und Vaterland. Und da einer rief: "Wollt ihr den totalen Markt?", stieß der mit den Ellenbogen an den mit den Überstunden und schrieen: "Ja!!!" Und siehe, es war die große Mehrheit.

Und abermals kam jemand vorüber. Der lief und schlief unterm offenen Himmel. Alles Lebendige, das ihm begegnete, fühlte sich beachtet, gestreichelt fast mit Händen und Stimme und mit seinem Blick. Und da er in den Abgrund sah, erkannte er seinen Mit - Menschen und rief aus: "Du!" Und zerteilte flugs sein Gewand und band die Teile aneinander und ließ sie hinab. Und der unten hielt sich fest, und der oben zog, und zog ihn zu sich herauf, herauf auf seine Höhe.

   
   
Wer, dünkt euch, ward der Nächste dem, der um Arbeit und Brot gebracht worden und in die Grube gefallen war?