Kalenderblatt im November

 

Astrid Lindgren

* 14.11.1907

Nürnberg, Ende September 2001


Liebe Astrid Lindgren,
endlich tue ich, was ich mir schon so viele Jahre vorgenommen habe: Ich möchte Ihnen so gerne erzählen, welche ganz besondere Bedeutung Sie und Ihre Bücher für mein Leben hatten und immer noch haben. Sicher bekommen Sie viele solcher Briefe und sind es müde, sie alle zu lesen - ich erwarte auch keine Bestätigung oder gar Antwort, es ist mir nur sehr wichtig, endlich einmal zu schreiben.

Ich bin 1950 geboren und hatte das große Glück, dass meine Eltern mir bereits, als ich sieben oder acht Jahre alt war, den ersten Band von Pippi Langstrumpf zu Weihnachten schenkten. Er muss mir sehr gefallen haben, denn bald besaß ich alle drei Folgen. Ich las sie immer und immer wieder. Sie prägten mein Denken, meinen Humor und meine Sicht der Dinge bis heute.

Spricht jemand über seine Putzfrau, so fällt mir Mally ein, die nie unter den Betten gefegt hat. Ein seltsames Zusammentreffen erinnert stets an die großen Zehen jenes o-beinigen Matrosen auf der „Hoppetosse„-. Hat jemand Probleme, sich selbst zu diszipliniertem Verhalten zu motivieren, so stelle ich ihm Pippi als Beispiel hin, die sich erst liebevoll, dann aber streng und bestimmt selbst ins Bett schickt. Wie weil Spaß hatte man mit Pippi Langstrumpf im Vergleich zu all den adretten, lieben und manchmal auch „unartigen„ kleinen Mädchen wie Försters Pucki und Gisel und Ursel etc.!

Letzten Anstoss für diesen Brief gab mir ein Buch, dass ich vor ein paar Wochen gelesen habe. Es heißt Zum Donnerdrummel, ein Werkportrait. Da schreibt ein Per Olov Enquist unter dem Titel „Astrid Lindgrens Familienbilder„ etwas, wovon ich keine Ahnung hatte. Doch eine Ahnung hatte ich, dass es da eine große Traurigkeit gegeben haben musste, die den Wechsel von Smaland nach Stockholm begleitete. Aber was es war, wusste ich nicht - musste es ja auch nicht wissen. Dann las ich:

Als Astrid Lindgren achtzehn war, wurde sie schwanger, aber sie war unverheiratet, lebte in einem kleinen puritanischen Dorf in Smaland. Und es war eine Katastrophe. Sie bekam das Kind und war gezwungen, es wegzugeben. Sie war gezwungen die... Umgebung, in der sie aufgewachsen war zu verlassen und nach Stockholm zu gehen. Einsam, arm, ohne ihr Kind, schlug sie sich als Sekretärin durch. Sie hatte in einer glücklichen, spielerischen, warmen Familie gelebt; jetzt nahm dies alles ein Ende...
Das ist Pippis Welt, das elternlose Kind, und es geht so gut, sie schafft alles.
Man nimmt die Angst in der Beschwörung kaum wahr; denn es ist eine Beschwörung, die von ihrem eigenen Kind handelt, auch es ist ohne Vater und Mutter...
Oh, wenn es doch gut ginge. Man braucht doch keinen Vater und keine Mutter. Oh, wenn es nur gut ginge, aber Pippi ist ja so stark, und in weiter Ferne gibt es trotz allem einen Seeräuberkönig, der Pippi liebt, und einmal werden sie bestimmt wieder vereint sein.

Nach der Lektüre dieses Textes von Herrn Enquist saß ich aber in meinem Sessel und weinte. Weinte zu meinem eigenen Erstaunen über die junge Frau, deren heile Welt so abrupt einer harten Wirklichkeit weichen musste und hörte Pippi Langstrumpf wieder fröhlich und tapfer rufen: Hab keine Angst um mich, ich komme schon zurecht!

Ich möchte Ihnen mit meinen Gefühlen nicht auf die Pelle rücken. Es ist ja auch alles schon so lange her! Was ich zeigen möchte ist dies: Nach vielen Gesprächen mit den verschiedensten Freundinnen und Bekannten weiß ich: Sie haben hier in Deutschland bei vielen der inzwischen vierzig bis fünfzigjährigen Frauen eine so starke Prägung und eine so tiefe Verbundenheit erreicht, dass wir uns Ihre Art zu denken, zu lachen und zu fühlen in größerem Maße zu eigen gemacht haben, als uns überhaupt bewusst ist.

Astrid Lindgren - das bedeutet nicht nur ein paar schöne Lesestunden. Das ist etwas, das unser Leben reicher, wärmer, lebendiger und menschlicher gemacht hat. Und dass gerade wir Nachkriegskinder diese Lesewelt erleben konnten, dafür sind wir dankbar. Dass wir darüber hinaus auf denkbar motivierende Weise mit Literatur vertraut wurden und dass wir ein großes Vertrauen und tiefe Sympathie hegen für Schweden und alles, was aus Schweden kommt, das sage ich nur noch, um die Sache vollends abzurunden.

Nun bin ich glücklich, meinen überfälligen Brief abschicken zu dürfen und hoffe, dass er Sie bei guter Gesundheit erreicht. Nehmen Sie meine holprige Liebeserklärung und meinen Dank mit Wohlwollen auf und leben Sie wohl!
Mit freundlichen Grüßen
Ihre C.

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