Stadtgespräche

50 Jahre danach




 

Material, Referate, Artikel, Meldungen zum Stadtgespräch
Referat, Hauptbeitrag in Kurzform
liefert einige Gesprächsbeiträge
Zusammenfassung, Schlußfolgerungen

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INPUT

Es ist der erste Abend der Stadtgespräche "50 Jahre danach". - "Aus dem Blickwinkel einer alten Familientradition" steht in der Ankündigung meines Berichtes. Darauf will ich kurz eingehen.

Väterlicherseits sind meine Vorfahren im 17. Jahrhundert ihres Glaubens wegen vertrieben worden, aus dem Ländlein ob der Enns in Österreich. Seitdem ist die Familiengeschichte eng mit Franken und Nürnberg verbunden.
... Mein UrUrGroßvater Georg Leonhard Auernheimer erbaute und betrieb Anfang des 19. Jahrhunderts das erste Theater Nürnbergs, das Nationaltheater. Es stand am Lorenzer Platz. Die Schwierigkeiten, die es damals mit den Lorenzer Pfarrern und der Gemeinde gab, sind "historisch".... Im 20. Jahrhundert war es mein Großvater Heinrich von Pechmann, der mit anderen Bürgern der Stadt den alten Tiergarten am Dutzendteich gründete und aufbaute. Er hat mit seinen Ehrenämtern u.a. auch im Kirchenvorstand von St. Lorenz und mit seinem großen sozialen Engagement, besonders in den schweren 20er Jahren, mein Leben ganz entscheidend geprägt.
...Als Hitler an die Macht kam, war ich elf Jahre alt. Da meine Familie die Reichsparteitage zum Anlass nahm, in Urlaub
zu fahren, bekam ich von den Aktivitäten
der Partei nicht allzuviel mit.
Das wurde nach Kriegsbeginn, den ich im Pensionat am Genfer See erlebte, anders. Natürlich fuhr ich sofort nach Hause und ich vergesse nie, wie mich mein Vater am 03.09.1939 morgens an der Haustür empfing und mir mit ernsten Worten sagte: "Kind, diesen Krieg können wir nicht gewinnen."
... Letztendlich konnten wir doch unser Abitur ablegen und nach Erfüllung der Arbeitsdienstpflicht für mich im Lager Eltmann am Main im Herbst 1940 mit dem Studium beginnen. Ich schrieb mich für das Fach Biologie in Erlangen ein. In den Semesterferien mussten wir wieder Dienst tun. Ich löste z. B. Arbeiterinnen am Montageband bei Siemens ab, die dann Urlaub nehmen konnten.Später arbeitete ich auch im Labor der Firma Neumeyer..... Am LaurentiusTag 1943 wurde Nürnberg, unsere Kirche und auch unser Wohnhaus schwer beschädigt.
... Wir alle wissen, aus eigenem Erleben oder von Bildern und Berichten, wie schwer zerstört unsere schöne Lorenzkirche war und ich konnte mir wirklich nicht vorstellen, dass sie jemals in alter Größe und Pracht wieder entstehen würde! Wie schnell man vergessen kann, kam mir im Dürerjahr 1971 ins Bewusstsein. Damals wurde in der Kaiserstallung die Lichtbildschau "Noricama" gezeigt. Ich weiß genau, wie mir beim Anblick der zerstörten Stadt und des Hauptmarktes, auf dem Trampelpfade durch spärliches Grün getreten waren und die einsame Silhouette der Fassade der Frauenkirche stand, die Tränen kamen und ich bitterlich weinen musste ich hatte doch alles miterlebt.
.... Siebenmal haben wir unser Haus wieder "zusammengeflickt", aber am 02. Januar 1945 war es fast ganz zerstört.
... Es war unbegreiflich, wie stark Nürnberg verteidigt wurde und daß die amerikanische Armee von Erlenstegen bis zum Stadtkern Tage brauchte, um die Kämpfe zu beenden.
Wir empfanden am 17. April ein unbeschreibliches Gefühl der Erleichterung. Nicht nur, dass der Krieg zu Ende ging, wir keine Kampfhandlungen und Bomben mehr fürchten mussten. Man hoffte auf einen Neuanfang, auch wenn wir noch keine Vorstellung des "Wie" hatten.
.... Elfmal sind wir von April bis Dezember in Erlenstegen umgezogen. Das erste Mal mit den Fahrrädern. Das waren die bestbehüteten, wichtigsten, aber auch begehrtesten Gegenstände in dieser Zeit. Bald beluden wir einen kleinen Handwagen, später zogen wir mit einem, von einer Kuh gezogenem Wagen um, denn nach und nach durften wir einige unserer Eigentümer aus dem Haus, in dem die Amerikaner bald einen Club eingerichtet hatten, holen.
Eines Tages bemerkte ich am Arm eines Amis das Armband meiner Großmutter. Damit war klar, dass der große Safe aufgebrochen wurde, in dem auch das Tafelsilber und andere Wertgegenstände "sicher" aufbewahrt gewesen waren. Aber wir profitierten auch von den Besatzern. Wir durften die zwei übriggebliebenen Hennen weiter im Garten halten und ernten, was wir angebaut hatten. Aus der großen, neu angelegten, Abfallgrube klaute oder sollte ich sagen "barg" meine Mutter weggeworfene Hühnermägen und hälse und bereicherte unseren Küchenzettel damit sehr.
Unser kleiner Dackel lief täglich quer durch Erlenstegen, um im Club verpflegt zu werden.
Beim Abzug der Truppe wurde er als Maskottchen mitgenommen. Wir waren sehr traurig, aber er hatte sicher ein besseres Leben, als wir es ihm damals bieten konnten ... Am 16. Mai 1949 konnten wir nach den bösen Jahren wieder nach Hause.
... Ich denke noch heute mit Trauer an die vielen Menschen, denen eine Rückkehr in die Heimat nicht möglich war. Im Rückblick erstaunt es mich, wie schnell trotz der beschränkten Wohnverhältnisse wieder gesellschaftliches Leben entstand. Wir hatten damals viel interessanten Besuch. Der Rechtsanwalt und Testamentsvollstrecker meines Großvaters, Dr. Mann, war nach London emigriert. Jeder Bekannte, der z. B. als Simultanübersetzer zum Gericht nach Nürnberg kam, wurde zu uns geschickt. Dazu gehörte auch Wolfgang Hildesheimer, der Autor.... Der damalige Direktor des Germanischen Museums, der im Haus meiner Eltern wohnte, fragte, ob ich ein junges Mädchen wüsste, das für die drei Söhne einer amerikanischen Familie als Gouvernante arbeiten könnte. Sie solle Deutsch lehren und ihnen gute Manieren beibringen. Es bedurfte keiner allzu langen Überlegung und ich meldete mich für diesen Job. So kam ich Ende November 1946 am Thanksgiving Tag das erste Mal zur Familie Russell. Das war einer der entscheidendsten Tage meines Lebens, entstand doch eine Freundschaft, die Zeiten, Meere und Ereignisse überdauert ... Mr. Russell, von Beruf Universitätsprofessor für englische Literatur, war dienstverpflichtet als erster Sekretär bei den Nürnberger Prozessen.
.... Da mein Verlobter ohne Gehalt, trotzdem dankbar für die Arbeitsmöglichkeit, Assistent im Nürnberger Krankenhaus war, musste ich Geld verdienen. So vermittelte mich Mr. Russell an eine amerikanische Dienststelle. Ich reiste für die neuentstandenen AmerikaHäuser durch Deutschland. Sah und erlebte zerstörte Städte wie Frankfurt oder Hamburg und den beginnenden Aufbau dort.
.... Nach der Arbeit für die AmerikaHäuser bekam ich einen tollen Job im Einkaufszentrum für die amerikanischen Läden ich muss wohl sagen "Kaufhäuser" in Europa. Ich verkaufte die bearbeiteten Muster "billig" an die oberen 10.000, bestellte Perlenketten in Japan, Uhren in der Schweiz, Kameras in Deutschland. Vom Brillantring bis zum Sarg besorgten wir alles.Können Sie sich vorstellen, dass ein Teil meines Verdienstes in Waren umgetauscht wurde? Ich fand immer einen netten Chef, der für mich einkaufte und dem ich für seine Dollar, DM geben durfte 4,20 war der Umtauschkurs, das werde ich nie vergessen!
.... Mein Kontakt zur Lorenzer Gemeinde war damals ziemlich abgerissen. Wir wohnten weit weg und die Notwendigkeiten des täglichen Lebens beschäftigten uns so sehr, dass "die" Kirche in den Hintergrund geriet. Der Altjahresgottesdienst 1950 bleibt mir allerdings in lebhafter Erinnerung! Wir feierten ihn in St. Sebald, Kirchenrat Veit war der Prediger und der kleine Westchor war mit großen Tüchern von der übrigen, zum Teil noch zerstörten Kirche, abgetrennt. Pfarrer Veit meinte, er wolle nicht nur Hosenknöpfe im Klingelbeutel finden. Auf dem Heimweg sagte mein Mann: "Ich hatte nur noch ein Fünfmarkstück, das habe ich gegeben. Nun habe ich kein Geld mehr. Oft kann ich mir einen Kirchgang nicht leisten!"
... Meinen Traumjob behielt ich bis zum Ende des Jahres 1953. Unser erster von drei Söhnen wurde im Dezember 1952 geboren, im Mai 1953 eröffnete mein Mann die eigene Praxis ...
1958 zogen "wir Jungen" dann schon zu Viert zu meinen Eltern ins geliebte Haus. Von da an waren wir wieder Lorenzer ... Meine Kontakte zur Gemeinde wurden immer enger und ich habe mit großer Freude aktiv mitgearbeitet. Viel Kraft und Geborgenheit wird und wurde mir, besonders in schweren Zeiten, hier geschenkt. Dafür bin ich von Herzen dankbar.
Nun zum krönenden Abschluss meiner Erinnerungen. Im August 1952 war Nürnberg eine "leuchtende" Stadt. Am 09. wurde mit einem großen Festakt das 100jährige Bestehen des Germanischen National Museums gefeiert und am LaurentiusTag, dem 10. wurde unser herrliches, aus Schutt und Asche wiedererstandenes Gotteshaus neu geweiht. Welch ein Gefühl der Freude und Dankbarkeit haben wir empfunden. Mein Vater, damals 2. Vorsitzender des Vereins zur Wiederherstellung (damals hieß es, glaube ich, noch so) und Erhaltung der St. Lorenzkirche hatte Ehrenkarten und so saß ich mit meinen Eltern in der ersten Reihe am Mittelgang im Chor. Uns genau gegenüber saß Kultusminister Hundhammer. Ich meinte aus seinen Zügen den Gedanken lesen zu können: 'Eigentlich gehört dieses einmalig schöne Gotteshaus ja uns Katholischen.'
Ein Festakt im Opernhaus mit einer Rede des Bundespräsidenten Heuss, ein Staatsempfang auf der Burg und die Aufführung von Hindemiths Oper "Mathis der Maler" beschlossen diesen denkwürdigen Tag.